“Die Katzen haben sich in das Buch hineingeschlichen.”

Interview mit Hartmut Schnedl

Was macht das Sterben in der Steiermark so speziell?
Man stirbt in der Steiermark genauso wie über überall sonst. Süß und ehrenvoll ist es nirgends.

Warum spielt die Geschichte in der Steiermark?
Es gibt hier grandiose Schauplätze, gleichzeitig wirkt die Landschaft um Murau ein wenig wie aus der Zeit gefallen. Dim, der Held der Geschichte, fährt ja als Fremder in die Steiermark. Während er im Zug sitzt und Murau immer näher kommt, wird sein Gefühl der Unwirklichkeit immer größer. Einmal vergleicht er die Landschaft mit dem Schauplatz aus einem der „Herr-der-Ringe“-Bücher. Dieses Gefühl der Distanz, das Nicht-dazu-Gehören, begleitet ihn seinen ganzen Aufenthalt hindurch.

Wie böse muss man sein, um Krimiautor zu sein?
Nicht böser als ein Schachspieler, der seine Bauern opfert.

Macht das Morden Spaß?
Ich habe Krimiautoren kennengelernt, die tatsächlich eine diabolische Freude daran empfinden, Figuren sterben zu lassen. Bei mir ist das anders. Die meisten Todesfälle in „Steirisch Sterben“ beruhen auf Vorfällen und Unfällen, von denen ich in der Zeitung gelesen habe oder die mir jemand erzählt hat. Das ist teilweise schon Jahre oder Jahrzehnte her und sie haben offenbar einen starken Eindruck hinterlassen. Vielleicht verarbeite ich mit meinen Mordbeschreibungen alte Traumata.

An welchen Orten schreiben Sie?
Zu Hause schreibe ich, wenn es nicht anders geht. Am liebsten schreibe ich in Cafés oder im Zug. Große Teile von „Steirisch Sterben“ sind in einem Garten in Murau entstanden, von dem man einen schönen Überblick über das Tal und die Stadt hat. Hier gibt es einen kleinen Teich, in dem Kröten schnarren und Frösche platschen. Es gibt einen alten Apfelbaum, in dem Bienen summen. Die Katzen der Nachbarn fühlen sich hier wohl und manchmal kommt auch ein Huhn zu Besuch.

Apropos Katzen: Im Buch kommen auffällig oft Katzen vor. Welche Bedeutung hat das?
Erst als das Manuskript fertig war, habe ich bemerkt, dass darin Katzen eine Art Leitmotiv  bilden. Eines der ersten Dinge, die Dim in Murau sieht, ist die Skulptur einer Katze, noch bevor er einer Menschenseele begegnet. Seine Vermieterin ist Katzenhalterin und eine gemalte Katze gibt einen wichtigen Hinweis. Die Katzen haben sich einfach so in das Buch hineingeschlichen. Da kann ich gar nichts dafür.

Welchen Tipp geben Sie Leserinnen und Lesern die auf den Spuren des Romans Murau besuchen?
Mit etwas Abenteuergeist können sie die Rantenschlucht durchwandern, die am Ende des Romans eine wichtige Rolle spielt. Sie ist allerdings nicht einfach zu finden. Zugänglicher ist das Schloss in Murau mit seiner morbiden Geweihgalerie und dem Rittersaal. Das Café Miklasch gibt es ja nicht so, wie es im Buch beschrieben wird. Aber es gibt andere Kaffeehäuser in Murau, die durchaus vergleichbar sind.

Mir ist aufgefallen, dass Dimiter stets vegetarisch isst. Das ist auf dem Land oft eine Herausforderung.
Abgesehen davon, ob Dim wirklich Vegetarier ist – die Frage bleibt  wird im Buch nie aufgeworfen – kann es auf dem Land wirklich schwierig sein, fleischlos zu essen. Dem wollte ich mit meinem Buch etwas entgegensetzen, und so habe ich vegetarische Gerichte erfunden, die gut in die gehobenere steirische Landküche passen: Steirisches Wok-Wurzelgemüse mit überbackener Parmesan-Polenta oder Rote-Rüben-Ragout mit Koriander. Und bevor die Frage kommt: Nein, ich habe keine Rezepte für diese Gerichte. Ich kann aber erklären, wie man Käsetoast mit Ketchup macht. Das Einzige, was Dim nach 21 Uhr in Murau noch serviert bekommt.

Sie haben mit 45 Jahren Ihr erstes Buch veröffentlicht. Was haben Sie eigentlich die ganzen Jahre zuvor gemacht?
Lebenserfahrung gesammelt, bis die Zeit reif für das Buch war. Ich habe in der ersten Hälfte meines Lebens immer wieder neues Zeug gelernt und neue Dinge gemacht. Warum sollte das in der zweiten Hälfte anders sein? Das Schreiben fällt mir jetzt leichter, nicht zuletzt, weil ich mehr als doppelt so viel gesehen, viel mehr gehört und einen Menge Gedanken mehr gehabt habe als mit Anfang zwanzig.

Sie sind Mitglied des AutorInnenkonglomerats „Literatur an anderen Orten“? Was steckt dahinter?
„Literatur an anderen Orten“ ist quasi Freistil. Wir sind zwei Autoren und eine Autorin und wir suchen Geschichten zu Orten, die wir diesen Orten zurückgeben. Das kann auf hunderterlei Arten geschehen: Ganz konventionell als inszenierte Lesung, aber auch als steinerne Inschrift, als Puppentheater oder als Video-Blog.

Welches Getränk soll man neben sich stehen haben, wenn man Ihr Buch liest?
Bier wäre angemessen (aber bitte kein Gugganiger Eisbock!). Auch gegen eine gute Schale Tee ist nichts einzuwenden.

Wie geht es mit Dim Damianovic weiter?
Er kehrt zurück in seine leicht verwahrloste Wiener Wohnung, denkt viel über Ulli Jordan nach und vielleicht erhält er wieder einmal einen Reportage-Auftrag, der ihn in die Steiermark führt.

Angenommen, „Steirisch Sterben“ wird verfilmt. Wer soll eine Rolle übernehmen?
Da habe ich keine klaren Präferenzen. Doch, eine! Andreas Gabalier soll die erste Leiche spielen.

 

Die Fragen stellte Daniela Lipka.
Nachdruck erlaubt

Noch ein Regionalkrimi?

„Steirisch Sterben“ war nicht meine erste Wahl für den Titel. Während des Schreibens hieß das Buch „Entblättert“. Es war die Idee meines Verlegers, den regionalen Bezug schon im Titel herauszustreichen, damit er besser in sein Portfolio von Regionalkrimis passte. Es wäre verlockend zu behaupten, dass ich eigentlich gar keinen Regionalkrimi schreiben wollte und die Geschichte nur zufällig in Murau spielt. Aber das ist nicht ganz wahr. Ich suchte für mein erstes Buchprojekt einen Rahmen, eine überschaubare Struktur, die ich nur mehr auszufüllen brauchte. Zudem wollte ich für den Anfang ein Milieu, in dem ich mich auskannte: „Schreib über das, was du kennst“ – das schien mir für mein erstes längeres Belletristik-Projekt eine einleuchtende Direktive.

Ein Kriminalroman hat eine überschaubare Struktur, dachte ich. Da gibt es einen Mord am Anfang, eine Lösung am Ende und man braucht nur noch die Seiten dazwischen irgendwie zu füllen. In der Tat waren der erste Absatz und der Showdown in meinem Kopf schon fast fertig formuliert, als ich die erste Rohfassung schrieb. Aber wie komme ich möglichst elegant ich von einem zum anderen? Das war eine Aufgabe, die sich als mühevoller und frustrationsreicher Prozess erwies, eine Reise voller Entmutigungen und Rückschlägen.

Dass ich Murau als Handlungsort wählte, stellte sich als gute Wahl heraus. Ich verbrachte zwölf Jahre meiner Kindheit und Jugend in Murau und hatte somit eine Fülle von Erfahrungen, aus denen ich schöpfen konnte. Der Ort im Buch ist aber nicht das real exisitierende Murau mit seiner friedlichen, freundlichen und überaus sympathischen Bevölkerung (das möchte ich hier ausdrücklich festhalten) – es ist ein Murau, das sich in meinem Kopf gestalten hat, genährt aus Kindheitserinnerungen, Halbschlaf-Fantasien und den Eindrücken meiner immer seltener werdenden Besuche. Die Geografie behandelte ich großzügig. Nicht jedes Kaffeehaus in dem sich die Helden und Heldinnen treffen, nicht jeder Berg, den meine Hauptfigur erklimmt, nicht jeder Bauernhof, dem sie einen Besuch abstattet, gibt es wirklich so wie beschrieben. Aber es gibt zu jedem Handlungsort ein Vorbild, wenn auch nicht unbedingt am selben Ort und mit demselben Namen.

An dieser Stelle möchte ich meiner Freundin Daniela Lipka für die äußerst kritische Durchsicht des Manuskripts und ihre zahlreichen Anregungen danken. Es ist ihr Verdienst, dass zahlreiche schlechte Ideen und holprige Textpassagen im Papierkorb landeten. Ich danke meinem Verleger Wolfgang Mayr und dem Verlag federfrei für die unkomplizierte Zusammenarbeit und entschuldige mich bei der Bevölkerung der Stadt Murau dafür, dass ich ihre Heimat zu einem Schauplatz blutiger Verbrechen erwählt habe.

Übrigens: Die Handlung und die Personen meines Romans sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen, jede Parallele zu irgendwelchen Ereignissen in Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft sind völlig zufällig und entstammen ausschließlich der angeregten Fantasie der Leserin oder des Lesers.